Ernst Leitz
Summaron 3,5cm 1:3,5
für Leica M39 / LTM
Klein, aber Oho!
Aus heutiger Sicht ist das Summaron 3,5cm ein echtes Miniatur-Objektiv.
Dennoch ist es bereits doppelt so groß wie sein Vorgänger – das Ekurz.
Als erstes "modernes" Weitwinkelobjektiv von Ernst Leitz begeistert es mit hoher Abbildungsleistung in kompakter Bauform. Das Summaron ist klein, unauffällig und ergonomisch.
Die Blendenverstellung ist beim Summaron nicht mehr vorne um die Frontlinse angeordnet, wie bei den Elmaren und Hektoren, sondern sitzt, wie von moderneren Objektiven gewohnt, auf einem Ring am Objektivtubus. Für die Blendenverstellung zählten die Entwickler fortan also nicht mehr auf das Vorhandensein langer Fingernägel. Die Blendenverstellung verfügt zudem über Raststellungen.
Look
Wer ein erstklassiges 35mm Objektiv sucht, das trotz hoher Abbildungsleistung harmonisch elegant und nicht übermäßig klinisch-modern zeichnet, ist beim Summaron 3,5cm 1:3,5 an der richtigen Adresse!
Das Objektiv kann Schärfe!
Und das bis in die Ecken - fast wie ein modernes Hochleistungs-Objektiv.
Es kann aber auch seidig zart, klassisch, mit leichtem Vintage-Flair und "Leica-Glow".
Es meistert harte Kontraste gut, doch helle Lichter blühen geringfügig aus, was manchen Aufnahmen ein atmosphärisches Leuchten verleiht.
Mir gefällt das sehr gut! Das Summaron ist meine Wahl, wenn mir das Ekurz zu sehr "Vintage" zeichnet oder ich auch bei weit geöffneter Blende auf eine hohe Schärfe angewiesen bin, zum Beispiel bei der Street-Fotografie in der Dunkelheit.
Mein eigenes Summaron weist einen geringfügigen Nebel im Inneren auf. Dies fördert einen stärkeren Glow zutage als das bei einem perfekt sauberen Exemplar der Fall wäre. Ich habe es in diesem Zustand belassen, weil mir der Look meines Summarons sehr gut gefällt.
Stark neblige Exemplare neigen dazu Lichter stark ausblühen zu lassen und zeichnen mit reduzierten Mikrokontrasten erkennbar weich. Das kann seinen Reiz haben, jedoch durchaus auch störend hervortreten.
Der ausgeprägte Glow oben am Kirchenfenster könnte zum Teil auch durch Weihrauch verursacht worden sein.
Ilford Delta 100 EL100 in ADOX XT-3 1+1.
Geschichte
Im Jahr 1930 wurde von der Firma Ernst Leitz das erste Weitwinkelobjektiv in der Geschichte der Kleinbildfotografie eingeführt. Das war das 3,5cm Elmar, genannt Ekurz.
Rasch entwickelte sich die Brennweite 3,5cm bzw. 35mm danach zum Standard in der Reportagefotografie. Heute ist dies eine der beliebtesten Brennweiten überhaupt.
Obwohl das Ekurz bereits über eine sehr respektable Abbildungsleistung verfügt (Beispiele siehe hier), wurde es aufgrund großer Fortschritte in der rechnenden Optik in seiner Abbildungsleistung bald übertroffen.
Mit einer erheblichen Verzögerung, bedingt durch den zweiten Weltkrieg, stellte Ernst Leitz im Jahr 1946 den Nachfolger, das Summaron 3,5cm 1:3,5, vor.
Handelte es sich beim 3,5cm Elmar noch um eine 4-linsige Triplett-Konstruktion, so verfolgte das Summaron einen gänzlich anderen Aufbau, dazu im Abschnitt "Technik" mehr.
Erhältlich wurde das Summaron erst im Jahre 1949. Im gleichen Jahr starb auch schon sein Erfinder - Max Berek.
Im Jahr 1958 wurde mit dem Summaron 3,5cm 1:2,8 ein um eine halbe Blende lichtstärkerer Bruder eingeführt, doch das 1:3,5er Summaron blieb weiterhin erhältlich und wurde erst 1960 vom Markt genommen.
Es hielt sich mit einem beeindruckenden Fertigungszeitraum von 14 Jahren fast so lange am Markt wie sein berühmter Vorgänger (Ekurz: 20 Jahre).
Technik
Den optischen Grundaufbau des Summaron bezeichnet man als Doppel-Gauß-Typ. Diese Bauart kommt auch heute noch in vielen Objektiven zum Einsatz und besteht aus zwei spiegelbildlich angeordneten achromatischen Linsenpaketen. Die symmetrische Optik des Summaron besteht aus 6 Linsen in 4 Gruppen mit je 3 Linsen zu beiden Seiten der Blende.
Mit diesem Aufbau erreicht das Summaron eine sehr hohe Abbildungsleistung, die die des Ekurz um Weiten übertrifft. Vor allem zeichnet es sich durch deutlich verringerte Vignettierung und hohe Randschärfe bereits bei Offenblende aus.
Das Summaron war von Anfang an auf allen Glasoberflächen vergütet (meines Wissens nach eine Einschichtvergütung), wodurch das Objektiv besonders kontrastreich abbilden kann.
Vergütung und reduzierte Vignettierung prädestinieren das Summaron für die Farbfotografie.
Auch was die Mechanik betrifft, ist das Summaron exzellent. Die spürbare Präzision ist ein Genuss!
Das Summaron 3,5cm 1:3,5 besteht vollständig aus Messing und so fühlt es sich sehr schwer und wertig an.
Trotzdem wiegt es nur 145 Gramm. Wie passt das zusammen?
Das Summaron ist schlicht winzig klein, verglichen mit heutigen Objektiven.
Versionen
Vom 3,5cm Summaron gibt es zwei verschiedene Versionen, beide trugen die Bezeichnung SOONC. In diesem Artikel beschrieben und gezeigt ist die frühere und häufigere Version. Die Änderung wurde im Jahr 1956 eingeführt und betrifft nur die Fassung.
Diese ähnelt in der hier gezeigten Version in der grundsätzlichen Konstruktion der des 5cm Elmars sowie vielen weiteren frühen Schraubleica-Objektiven, während die modernere Ausgabe über eine Geradführung verfügt.
Mein Favorit: Das sog. Raketentriebwerk – die frühere, schlanke Version. Ich finde sie persönlich haptisch schöner und zudem optisch besser zu einer Barnack-Leica passend.
Ein "Nachteil" der früheren, also der hier gezeigten Version gegenüber der Neueren ist, dass sie nicht über eine Geradführung verfügt. Das bedeutet, dass sich der Objektivkopf mitsamt Blendenskala beim Fokussieren mitdreht. Dadurch muss man zum Verstellen der Blende entweder kurz Richtung Unendlich fokussieren, sodass die Blendenskala nach oben kommt, oder die Kamera auf der Suche nach der Blendenskala auf den Kopf drehen. Das ist nicht perfekt, klar, aber auch nicht wirklich ein Problem. Die Blendenskala sitzt, wie von einer Leica gewohnt, nicht mittig oben, sondern leicht nach links versetzt, etwa auf 1 Uhr. Das hat nicht nur den Vorteil, dass dadurch die Blendenskala auch mit einem Aufstecksucher, wie dem SBLOO, nicht verdeckt wird, sondern führt auch dazu, dass sich die Blendenskala über einen weiten Fokusbereich von oben gut einsehen lässt. Nur beim Fokussieren auf den Nahbereich muss man die Kamera etwas drehen, um die Blendeneinstellung bzw. Schärfentiefeskala sehen zu können.
Die wirklich wunderbare Haptik der Blendenverstellung macht das locker wett.
Preise und Verfügbarkeit
Ein gut erhaltenes oder generalüberholtes Summaron ist zwischen 390€ und 450€ meiner Ansicht nach fair bepreist (Stand 08/26).
Für eine sehr hochwertige, kompakte und absolut wertstabile Festbrennweite ist das nicht besonders teuer. Der vergleichsweise niedrige Preis, für ein Leica-Objektiv wohlbemerkt, dürfte in der guten Verfügbarkeit begründet liegen.
Hinweis:
Beim 3,5er Summaron kann man auf den bekannten Verkaufsplattformen gelegentlich Schnäppchen finden und äußerlich gut wirkende Exemplare schon ab 250€ ergattern.
Ich möchte aber den Rat geben aufzupassen, dass man durch niedrige Preise nicht halsüberkopf etwas kauft, das man später bereut. Es ist ganz einfach so, dass man sich eine Leica-Ausrüstung nicht zulegt, weil das eine billige Fotoausrüstung ist, sondern man tut das der Perfektion der Produkte wegen.
Leider neigt das Summaron zur Nebelbildung.
Mit einem Summaron das zerkratzt oder stark neblig ist oder einen erheblichen Vergütungsschaden hat, werden wohl die Wenigsten dauerhaft glücklich sein. Solche Entscheidungen bereut man meist schnell.
Die günstigen Preise haben häufig einen Grund und so würde ich genau hinsehen und im Zweifel lieber Angebote ziehen lassen.
Für die Reinigung eines Summarons muss man mit mindestens 140€ rechnen.
Somit fährt man sicher oft günstiger und langfrisitig zufriedener, wenn man sich gleich ein generalüberholtes oder sehr gut erhaltenes Summaron zulegt.
Zubehör
Sucher
Da der interne Sucher einer Barnack-Leica nur über das Sucherbild für 5cm Brennweite verfügt, benötigt man für die Verwendung eines 3,5cm Objektivs einen Aufstecksucher. Hervorragend finde ich den Spiegelsucher SBLOO, welcher aus den 50er Jahren stammt. Dieser lässt sich auch mit Brille relativ gut nutzen.
Ganz erheblich kompakter und unauffälliger ist sein Vorgänger, der Spezialsucher 3,5cm, genannt WEISU. Das Sucherbild des Weisu ist klein und ähnelt dem des internen 5cm Suchers einer Barnack. Mit Brille ist der WEISU gänzlich unbenutzbar. Aufgrund seiner winzigen Abmessungen nimmt er dafür der Barnack nichts an Kompaktheit und er fügt sich ästhetisch sehr gut ein.
Alternativ zu den beiden oben genannten Spezialsuchern leisten für die Brennweite 3,5cm die Universalsucher VIDOM (kompakter, dafür spiegelverkehrtes Sucherbild) und VIOOH (auffälliger, seitenrichtiges Sucherbild) gute Dienste. Bei 3,5cm ist ihr Sucherbild relativ groß. Sie bieten gegenüber den Spezialsuchern den Vorteil einer Parallaxenkorrektur und sind zudem für verschiedene Brennweiten nutzbar. Die Universalsucher sind die günstigste Lösung, da weit verbreitet und nicht gehyped.
Objektivdeckel und Filter
Geschickterweise passen auf das hier gezeigte, häufigste Summaron die Barnack-Standard A36 Deckel und Filter, wie auch die Elmare und viele weitere Leica-Objektive. Trägt man mehrere Objektive mit sich herum, sind austauschbare Deckel und Filter ein dankbarer Umstand!
Sonnenblende
Die Frontlinse des Summaron 3,5cm 1:3,5 sitzt weniger exponiert als zum Beispiel beim 5cm Elmar und 5cm Hektor, sodass man zum Schutz vor Beschädigungen nicht unbedingt eine Sonnenblende benötigt.
Vor Schräglichteinfall aber schützt sich das Summaron selbst kaum, sodass ich in vielen Situationen zur Verwendung einer Sonnenblende raten würde. In der Praxis habe ich meine üblicherweise dauerhaft auf dem Objektiv.
Die passende Sonnenblende zum Summaron heißt FOOKH. Ich finde FOOKH mit ihrer puristischen Eleganz sehr ästhetisch, ein Attribut, das sicher nicht viele Sonnenblenden verdienen.
Das Summaron mit montierter FOOKH erinnert an das Triebwerk einer Rakete, was dem Objektiv den Spitznamen Raketentriebwerk eingebracht hat.
FOOKH passt nicht auf die neuere Fassung des Objektivs mit Geradführung, anstatt dessen benötigt man dann die sog. ITDOO bzw. die IROOA.
Fazit
Das Summaron 3,5cm 1:3,5 ist ein äußerst kompaktes, leichtes Weitwinkelobjektiv mit sehr gutem Preis-Leistungsverhältnis. Seine Abbildungsleistung wird hohen Ansprüchen gerecht und übertrifft, insbesondere bei Offenblende, die seines Vorgängers deutlich.
Es ist meine Empfehlung für alle, die nach einem 3,5cm Objektiv mit klassischer, harmonischer Abbildung ohne zu starken Vintage-Charakter suchen. Dank seiner Vignettierungsfreiheit und einer vollständigen Vergütung eignet es sich sehr gut für die Farbfotografie.