Ernst Leitz
Entfernungs-messer
"FODIS"
für M39 Leicas

Ernst Leitz FODIS Rangefinder

Für präzise Schärfe

Während alle Leica II und III Modelle über einen gekuppelten, integrierten Entfernungsmesser verfügen (siehe hier), müssen wir uns bei den Leica I Modellen auf unser Talent im Schätzen von Entfernungen verlassen. Das ist ein ziemlich unpräzises Unterfangen und insbesondere bei kurzen Objektdistanzen, geöffneter Blende und längeren Brennweiten liegt die Schärfeebene schnell himmelweit daneben.

Bilder, deren Schärfeebene deutlich fehlplatziert ist, sind meistens unschön anzusehen und vor allem eines: für den Fotografen recht unbefriedigend.

Um uns (und dem Modell) das Hantieren mit einem Meterstab zu ersparen, hat man sich etwas Geschicktes einfallen lassen: Einen optischen Entfernungsmesser. Der erste von Ernst Leitz für photographische Zwecke war der sog. FODIS von 1924, welcher hier gezeigt wird. Es gibt eine Vielzahl weiterer ähnlicher Geräte, die oft durcheinandergewürfelt werden, dazu am Ende des Artikels mehr.

Der hier gezeigte Fodis ist ein sogenannter Mischbildentfernungsmesser. Das bedeutet, zwei Bilder derselben Szene aus leicht unterschiedlichen Perspektiven werden im Okular überlagert dargestellt.
Ziel der Messung ist es, durch Drehen des Einstellrades, die zwei Bilder des scharfzustellenden Gegenstandes so zu überlagern, dass sie zu einem Bild verschmelzen. Dann kann die entsprechende Entfernung des Objekts am Einstellrad abgelesen und auf das Objektiv übertragen werden.

Black Leica I with FODIS Rangefinder
Wunderschönes Outfit aus dem Jahr 1930: FODIS zusammen mit seiner Leica I mit Elmar 5cm Objektiv.

Hinweise zur Bedienung

Zuerst visiert man durch das Okular das scharfzustellende Objekt an. Das Mischbild wird in einem kleinen, hellen Areal im Zentrum des Bildes erzeugt. Hat man dieses in exakte Überlagerung gebracht, so muss man zum Übertragen der gemessenen Entfernung die Kamera vom Auge nehmen, um die Einstellung am Objektiv vorzunehmen. Wenn man die Kamera anschließend erneut ans Auge nimmt, um das Foto aufzunehmen, hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Abstand zum Objekt verändert. Selbst bei Zuhilfenahme eines Stativs könnte sich das Objekt in der Zwischenzeit bewegt haben, sodass man eigentlich schon wieder von vorne beginnen könnte, wenn man gerade fertig geworden ist. Die ganze Präzision ist dahin.
Doch diese Vorgehensweise ist nicht im Sinne des Erfinders, das geht intelligenter.

Man geht folgendermaßen vor:
1. Objekt im Mischbild durch Drehen des Einstellrades in exakte Überlagerung bringen (Verschmelzung)
2. Ermittelte Entfernung ablesen und auf das Objektiv übertragen
3. Kamera wieder ans Auge nehmen und mit Hilfe des Suchers ausrichten, bzw. Bild komponieren
4. Zum Entfernungsmesserokular wechseln, die Ausrichtung der Kamera nicht mehr verändern und das Einstellrädchen nicht anfassen. Nur durch Bewegung der Kamera vor oder zurück das Objekt im Mischbild erneut überlagern.
5. Bei exakter Überlagerung auslösen.

Diese Methode funktioniert erstaunlich gut und wird schnell zur Gewohnheit. Sie liefert perfekt fokussierte Bilder, genau wie ein gekuppelter Entfernungsmesser, nur eben deutlich langsamer.

Mit der oben beschriebenen Technik kann man durch einen weiteren Trick auch bewegte Objekte mit dem FODIS scharf fotografieren, nämlich indem man eine Fokusfalle stellt. Das bedeutet, man stellt Objektiv und FODIS auf die gleiche Entfernung ein. Nun beobachtet man durch den Entfernungsmesser. Sobald das Objekt die Fokusebene erreicht, kommt es im Mischbild zur Verschmelzung und man löst aus.

Messprinzip: Triangulation

Ausgangssituation: Wir blicken von zwei leicht versetzten Standpunkten in eine Richtung und erhalten so zwei perspektivisch leicht verschiedene Bilder. Die Bilder der beiden Betrachtungspunkte legen wir übereinander.
Für einen Gegenstand in einer bestimmten Entfernung x gibt es genau einen Winkel zwischen den beiden Achsen von den Betrachtungspunkten zum Objekt, bei dem das Objekt exakt, das heißt ohne Versatz im Mischbild überlagert wird. Kennt man diesen Winkel und den Abstand der beiden Betrachtungspunkte zueinander, so lässt sich die Entfernung zum Objekt berechnen. Den Abstand der beiden Betrachtungspunkte zueinander bezeichnet man als Basislänge eines Entfernungsmessers. Die zwei Betrachtungspunkte sind das obere und untere Fenster des FODIS. Das der Messung zugrunde liegende Prinzip nennt man Triangulation. Noch heute wird es in der hochgenauen Landesvermessung eingesetzt.

Die Grundzüge der Triangulation waren arabischen Astronomen mindestens seit dem Jahr 800 bekannt. Mathematisch ergründet wurde das Prinzip schlussendlich im Jahr 1617 durch den Niederländer Willebrord van Roijen Snell, genannt Snellius.

Mit dem FODIS muss man sich aber nicht des Rechnens bemühen - das übernimmt ganz entspannt die Mechanik des Entfernungsmessers.


Das funktioniert so: Dreht man am Rädchen des FODIS, so wird in dessen Innerem die Neigung eines Prismas verstellt. Dieses Prisma lenkt das durch das obere Fenster eintretende Licht nach unten um. Hier wird es über einen halbdurchlässigen Spiegel, der als Strahlenteiler, bzw. vielmehr als Vereiniger der beiden Strahlengänge fungiert, noch einmal um 90° umgelenkt, bevor es gemeinsam mit dem durch das untere Fenster eintretende Licht als überlagertes Mischbild durch das Okular austritt.

Die Verstellung der Ausrichtung des Prismas bewirkt eine Änderung des parallaktischen Winkels und damit eine Verschiebung der beiden Bilder zueinander im Mischbild des Okulars.

Vereinfacht: Das Rädchen steuert wohin das obere Fenster in Relation zum Unteren guckt. Das Ziel ist, beide auf den selben Punkt schauen zu lassen, nämlich den der später scharf sein soll.
Das Rädchen am FODIS "kennt" den parallaktischen Winkel und über die Graduierung am Rädchen zeigt es die entsprechende Objektdistanz an.

In der Praxis ist der FODIS kinderleicht zu verwenden und zeigt treffsicher die exakte Objektentfernung in einem Messbereich von 1m bis unendlich an. Selbstverständlich mit abnehmender Genauigkeit in Richtung ∞, was für die Fotografie aber unbedeutend ist.

Black Leica I with FODIS Rangefinder

Preise und Verfügbarkeit

Der FODIS ist relativ leicht zu bekommen, allerdings mit 140-300€, je nach Zustand und in Abhängigkeit davon, ob mit oder ohne Ledertasche, nicht gerade ein Schnäppchen aber auch keineswegs ein unerreichbares Sammlerstück. (Stand 08/26)

Schlicht aufgrund des hohen Alters dieser Instrumente leiden heute viele unter einer Zersetzung der Beschichtung des halbdurchlässigen Spiegels. Das äußert sich in einem schlecht bis nicht mehr erkennbaren Mischbild (man sieht dann nur noch ein Bild und keine Überlagerung mehr). Dieses Problem kann i.d.R. durch ein Ersatzteil behoben werden, nehmen Sie bei Fragen gerne Kontakt zu mir auf.

Geschichte und ähnliche Modelle

In der Literatur und in den Foren herrscht eine gewisse Verwirrung, was die Bezeichnungen und Merkmale der verschiedenen Entfernungsmesser von Ernst Leitz angeht. Ich habe versucht aus allen mir verfügbaren Informationen einen schlüssigen Konsens zu bilden, um so gut wie möglich für Klarheit zu sorgen. Sollte Ihnen ein Fehler auffallen, kontaktieren Sie mich gerne.

Die ersten Entfernungsmesser für photographische Zwecke von Ernst Leitz

Interessanterweise wurde der hier gezeigte Entfernungsmesser für photographische Zwecke, genannt "FODIS", bereits im Jahr 1924, also ein Jahr vor der Markteinführung der Leica von Ernst Leitz angeboten.

Diese ersten Entfernungsmesser für photographische Zwecke bestehen aus einem schlanken, vierkantigen, schwarz lackierten Messinggehäuse mit einem vernickelten Rad. Der Durchmesser dieses Einstellrades ist noch relativ klein (beim hier gezeigten 2,20cm). An den Enden des Entfernungsmessers befinden sich fest verschraubte Rändelringe, von denen der Untere der Befestigung auf dem Zubehörschuh einer Leica dient.
Die ganze Konstruktion steht vergleichsweise sperrig nach oben, da die Messbasis/Basislänge sehr groß gewählt wurde. Die Basislänge wird häufig mit 10,5cm angegeben, das ist jedoch falsch. Diese Angabe trifft eher auf die Gesamtlänge des Gehäuses zu, welche 10,4cm beträgt.
Relevanter als die Gesamtlänge ist bei einem Entfernungsmesser natürlich die Messbasis, da sie etwas über die erzielbare Messgenauigkeit aussagt. Die Basislänge beträgt beim hier gezeigten Modell 8,3cm.

Alle Entfernungsmesser mit einer solch langen Messbasis werden gesammelt als "Entfernungsmesser langer Basis" (engl. long base rangefinders) gruppiert, dem gegenüber stehen die späteren Geräte mit kurzer Basislänge.

Der FODIS verfügt nicht über eine Vergrößerungsoptik, zeigt also das Sucherbild in 1:1, anders als die integrierten Entfernungsmesser der Leica III und der späteren Leica II Modelle.
Zur Verbesserung der Erkennbarkeit des Mischbildes sind die meisten FODIS am unteren Fenster mit einem gelb-grünen Filter niedriger Dichte versehen.

Vorläufer

Als Vorläufer zum FODIS wird ein Gerät mit der Bezeichnung FARDI angesehen. FARDI wurde schon im Jahr 1910 als Präzisionsinstrument für die Vermessung eingeführt und basiert auf demselben Prinzip wie der FODIS, verfügte jedoch über eine erheblich größere Basislänge. Zwei Modelle standen zur Auswahl: Eines mit 20cm Basislänge (für Entfernungen bis 500m) und eines mit 40cm Messbasis (für Entfernungen bis 1000m).

Ordnung im Chaos der Bezeichnungen

Bei den Bezeichnungen der Entfernungsmesser mit langer Messbasis von Ernst Leitz gibt es gewisse Kontroversen. Meines Erachtens rührt das daher, dass Leitz die Bedeutung der Bezeichnungen im Laufe der Zeit mitunter geändert hat.
Von vorne: Zu Beginn existierte zur Leica noch keine Bereitschaftstasche. Anstatt dessen wurde die Kamera gemeinsam mit ihrem Zubehör in Ledertaschen aufbewahrt, die denen der 6x9cm Faltkameras ähnelten und zum Beispiel die Bezeichnung ETRIN trugen. In ihrem Deckel fand der Aufsteck-Entfernungsmesser Platz, welcher zunächst das Tel.-Wort FODIS trug. Die ursprüngliche Bezeichnung für den hier gezeigten Entfernungsmesser lautet also korrekterweise tatsächlich FODIS.

Mit Aufkommen der Bereitschaftstaschen wurde der Entfernungsmesser in eine eigene Ledertasche ausquartiert. Da nun das Set aus dem Entfernungsmesser und der Tasche bei Auslieferung Standard war, verstand man ab dem Jahr 1927 dieses ganze Set unter der Bezeichnung FODIS. Die Tasche alleine trug die Bezeichnung EUDIT. Wollte man nur den Entfernungsmesser, also ohne Tasche kaufen, so galt das Tel-Wort FODUA.

Folglich sind heute aus meiner Sicht beide Bezeichnungen für den gezeigten Entfernungsmesser valide, FODIS und FODUA.

Ähnliche Geräte in der Reihenfolge ihrer Markteinführung

Im Jahr 1926 wurde ein weiterer Entfernungsmesser in die Kataloge aufgenommen: Der FOKIN. Dieses Modell war für Cine-Kameras gedacht, nicht für die Leica, und ist erkennbar am schwarzen Einstellrad, welches zudem deutlich größer und feiner unterteilt ist als das des hier gezeigten FODIS. Üblicherweise trägt es zudem eine Beschriftung wie z.B. +1/4m, Angaben die der Kompensation verschiedener Kamerabauarten dienten. Als Zubehör zum FOKIN existiert eine verstellbare Halterung namens FOKUX. Sie ist sehr selten.

Dann gab es ab etwa 1929 ein Modell das dem FOKIN sehr ähnlich sieht und ebenfalls Korrekturangaben auf dem Einstellrad trägt, den FONOR. Ein wahrscheinlich sicheres Unterscheidungsmerkmal ist, dass der FONOR ein großes silbern vernickeltes Einstellrad aufweist und kein schwarzes. Auch dieser Entfernungsmesser war nicht für die Leica gedacht. Vielmehr war er für die Verwendung an Mittelformatkameras der Formate 6x9cm und 10x15cm konzipiert. Ab 1930 gab es dazu eine Ledertasche namens EUVER und das Set aus Tasche und FONOR wurde dann als FOOGT bezeichnet. Auch zum FONOR wurde eine Befestigung angeboten. Diese enthält ein Scharnier und ermöglicht so, den FONOR für den Transport flach umzulegen. Das Tel.-Wort für diese Befestigung lautete FOKAL.

Auch für die Leica existieren Entfernungsmesser mit großem Einstellrad. Dieser Typ wurde im Jahr 1930 unter der Bezeichnung FOFER eingeführt. Der Vorteil des großen Einstellrads liegt in einer etwas erhöhten Ablesegenauigkeit. Die feinere Graduierung der anderen Modelle mit großem Einstellrad (FOKIN und FONOR) wurde hier jedoch nicht übernommen, was uns neben der Abwesenheit von Korrekturangaben als Unterscheidungsmerkmal dienen kann. Es wird gemutmaßt, dass die erhöhte Ablesegenauigkeit, die mit dem vergrößerten Einstellrad einhergeht, zwecks der Einführung der längeren Wechselobjektive (wie zum Beispiel dem 9cm Elmar) erfolgte. Jedoch kamen diese Objektive erst ein Jahr nach dem FOFER auf den Markt und trugen an ihrem Fokusring nur die bereits am FODIS vorhandenen Entfernungsmarken. Ob das Vergrößerte Einstellrad des FOFER also wirklich für die Fernobjektive eine Verbesserung brachte und damit als Begründung herhält, halte ich für fraglich.
Zum FOFER wurde eine Tasche angeboten, sie trug die Bezeichnung EUVER. Das Set aus Tasche und FOFER konnte unter dem Tel.-Wort FOERN bestellt werden.

Im Jahr 1933 traten erstmals kompaktere Entfernungsmesser mit kürzerer Messbasis in den Katalogen auf. Die Bezeichnungen lauteten FOKOS für die schwarze Variante und FOKOS-CHROM für die silbern Verchromte. Unter Zuhilfenahme des Zubehörteils HFOOK, eine Art Fuß, kann der FOKOS horizontal auf der Leica montiert werden, wodurch das System nochmal deutlich kompakter ist.
Da auch der FOKOS keine Vergrößerungsoptik enthält, ist seine Genauigkeit geringer als die der Entfernungsmesser mit langer Basislänge, jedoch locker ausreichend und vergleichbar mit der Genauigkeit der Leica III Modelle. Letztere verfügen über eine deutlich kürzere Basislänge, machen dies aber mithilfe einer 1,5x Vergrößerung wieder wett.

Fazit

Der Fodis heißt Fodis und ist ein präziser Entfernungsmesser von eleganter Gestalt und ein tolles Zubehörteil der sehr frühen Leicas.

Insbesondere bei nahen bis mittleren Aufnahmeentfernungen, wo das (ver)schätzen von Entfernungen die sichtbarsten Auswirkungen hat, ist er auf allen Leicas, die nicht mit einem integrierten Entfernungsmesser ausgestattet sind, eine wertvolle Hilfe um konsequent scharfe Bilder zu schießen.

Benutzt man das Gerät von 1924 korrekt, ist man nicht auf ein Stativ oder eine Auflage angewiesen und das Ergebnis ist keineswegs ungenauer, als mit dem gekuppelten Entfernungsmesser einer Leica IIIf von 1954. Die Messung selbst ist sogar präziser.
Die Arbeit mit dem Fodis und einer Leica I ist allerdings deutlich langsamer und weniger flüssig, als mit einer Leica II oder III. Ich würde aus Sicht eines Fotografen erstere Kombination daher dann wählen, wenn ich überwiegend mit Zonenfokus arbeiten möchte und nur manchmal auf eine präzise Messung angewiesen bin. Fotografiert man häufig in dynamischen Situationen und mit geöffneter Blende, würde ich mich für eine Leica II oder III entscheiden.

Obwohl der Fodis in erster Linie für die Leica konzipiert war, reicht die Geschichte seiner Serienfertigung weiter zurück, als die der Kamera.
Es gibt eine Reihe ähnlicher Modelle von Ernst Leitz, die aber mitunter nicht für die Leica konstruiert wurden und daher für eine Barnack nicht geeignet sind.
Bei der Anschaffung für eine Leica würde ich deshalb darauf achten, ob Korrekturwerte oder der Buchstabe N auf dem Einstellrad eingraviert sind und entsprechende Exemplare meiden. Zusätzlich würde ich als Käufer auf die Intaktheit des Strahlenteiler-Spiegels achten. Im Fall der Fälle, wenn der Kontrast schlecht oder das Mischbild ganz verschwunden sein sollte, können Sie sich gerne an uns wenden. In den meisten Fällen kann das vergleichsweise unkompliziert behoben werden.

Black Leica I with FODIS Rangefinder

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